Ortsunabhängiges Arbeiten – Fluch oder Segen?

Ein Gastbeitrag von Lars Vollmer

 

Sie sitzen in Ihrem Lieblingscafé, Laptop vor sich, der frischgebrühte Kaffee daneben. Ihr Kollege am anderen Ende der Stadt macht es sich gerade auf seinem Sofa bequem – Tablet in der einen, Brötchen in der anderen Hand. Und die Dritte im Team kommt zeitgleich im Büro an und plauscht mit den Kollegen aus dem Nachbarbüro, während ihr PC hochfährt.

Jetzt wird gearbeitet.

 

Produktiver durch freie Arbeitsplatzwahl?

Ja, die Arbeitswelt verändert sich. Laptops, Smartphones, Tablets, Cloud-Speicherung, Telefonkonferenzen, Skype etc. machen ortsunabhängiges Arbeiten möglich. Moderne Arbeitgeber, die etwas auf sich halten, können es sich beinahe nicht mehr leisten, ihre Mitarbeiter an ihren Büro-Arbeitsplatz zu fesseln. Sonst werden sie nicht selten als antiquiert, steif und unflexibel gebrandmarkt.

Nun ist es ja schön und gut, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern freie Arbeitsplatzwahl ermöglichen. Nur macht dieser ›moderne‹ Faktor des ortsunabhängigen Arbeitens ein Unternehmen noch lange nicht erfolgreich. Und so sehr es sich Mitarbeiter auch manchmal wünschen – Homeoffice und flexible Arbeitszeiten sind nicht immer dienlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen ortsunabhängiges Arbeiten. Ich praktiziere es selber oft und äußerst gerne. Aber Unternehmen sollten sich bewusst sein, dass der Ort, an dem die Mitarbeiter arbeiten, nicht das Problem in dynamisch geprägten Märkten ist – daher ist jedwede örtliche Wahl des Arbeitsplatzes auch nicht die Lösung. Unternehmen wie Menschen werden nicht dauerhaft produktiver oder glücklicher, bloß weil sie der Arbeit zu Hause oder im Park nachgehen.

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Eine Frage der Kultur

Was ich sagen will: Unternehmen können ortsunabhängiges Arbeiten gerne propagieren und ermöglichen – sie müssen dabei aber ihre spezielle eigene Kultur im Blick behalten.

Wenn Entscheidungen beispielsweise immer in kleinen informellen Besprechungen getroffen werden – ganz nebenbei halte ich das für die beste Art von Besprechung –, dann katapultieren sich die Menschen, die im Homeoffice arbeiten, nicht selten aus dem Entscheidungsprozess heraus. Oder sie nehmen die Möglichkeit gar nicht in Anspruch, sich ihren Arbeitsplatz selbst auszusuchen, weil sie intelligenterweise wissen, dass sie dann an den wichtigsten Entscheidungen nicht beteiligt sind. Und dann wundern sich die Befürworter des Homeoffice, dass es nicht funktioniert.

 

Homeoffice ist nicht die Lösung

Der Punkt ist aber: Es liegt gar nicht am Konzept des ortsunabhängigen Arbeitens. Das kann schon funktionieren. Aber wenn die erwünschten Verhaltensweisen der tatsächlichen Kultur im Unternehmen widersprechen, werden Mitarbeiter eben gezwungen, Business-Theater zu spielen. Soll heißen: Sie verhalten sich auf eine Weise, die nichts mit wertschöpfender Arbeit zu tun hat, nur um die von oben angeordneten Regeln zu bedienen.

startup-593342_1920Wenn es im Unternehmen beispielsweise den Appell »Wir arbeiten ganz viel virtuell und im Homeoffice« gibt, die tatsächliche Arbeitskultur aber regelmäßige Anwesenheit erwartet, dann müssen die Mitarbeiter Theater spielen, um diesen Verhaltenserwartungen genüge zu tun. Andersrum kann es natürlich auch zu Theater führen, wenn von Außendienstmitarbeitern erwartet wird, dass sie jeden Morgen und jeden Abend im Büro aufschlagen – obwohl sie vom Kundentermin doch besser direkt nach Hause fahren und dort ihre Angebote schreiben würden.

Ortsunabhängiges Arbeiten ist also weder gut noch schlecht. Es ist lediglich eine Art zu arbeiten, die entweder zum Unternehmen und den Mitarbeitern passt, oder eben nicht. Und das kann nur im konkreten Fall entschieden werden.

 

Zur Person:

Lars Vollmer ist Unternehmer und Mitbegründer von intrinsify.me, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. Er lehrt an mehreren Universitäten und Instituten und ist gefragter Redner auf internationalen Kongressen und Unternehmensveranstaltungen. Er spielt Jazzpiano, trinkt gerne Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona. Sein neuestes Buch »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist 2016 im Linde Verlag erschienen.