Man ist, was man spricht

Allen Kulturen der Welt ist gemein, dass sie eine Sprache sprechen, um sich untereinander zu verständigen. Weltweit werden heute noch rund 6500 Sprachen gesprochen. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Während etwa Humboldt noch davon ausging, dass Denken ohne Sprache gar nicht möglich sei, sagen wir heute, dass das Denken ohne Sprache schneller an seine Grenzen stößt. Aber Sprache ist mehr als bloßer Ausdruck unserer Gedanken. Sie beeinflusst auch die Art, wie wir denken. 

 

Wie wir die Welt wahrnehmen, hat nicht nur mit unseren Sinnesorganen zu tun. Im Grunde sagt es ja schon das Wort „wahrnehmen“, also für wahr nehmen oder annehmen, dass das, was man sieht, hört, riecht oder fühlt, wahr ist. Das lehrt uns im Grunde schon der Radikale Konstruktivismus, der besagt, dass Wahrnehmung eben kein exaktes Abbild der Realität liefern kann, sondern dass es eine Vielzahl an Realitäten gibt, die jedes Individuum aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung konstruiert. Was wir als Realität annehmen, ist also immer auch beeinflusst durch unsere Erfahrungen, unsere Erziehung, unsere Umwelt und Kultur. Und zur Kultur gehört auch unweigerlich die Sprache, die man von Kind auf spricht – die Muttersprache.

Der Begründer des Radikalen Konstruktivismus Ernst von Glasersfeld schrieb, dass man mit seiner Muttersprache auch immer so verbunden sei, dass „die Art und Weise in der diese Sprache die Erlebniswelt aufteilt, ordnet und beschreibt, selbstverständlich der wirklichen Wirklichkeit entspricht. Je tiefer ein Denker in seiner Muttersprache verankert ist, um so schwerer ist es für ihn, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass andere die Welt auf andere Weise sehen, kategorisieren und somit erkennen könnten.“ In mehreren Sprachen zum Beispiel gibt es keine Unterscheidung zwischen den Farben  „Blau“ und „Grün“. Ob in unserer Sprache für diese Farben nur ein oder zwei Wörter existieren, soll sich auf unser subjektives Empfinden für die Ähnlichkeit von Farbschattierungen im blau-grünen Bereich auswirken. Eine Studie der Universität Lancaster zeigt, dass etwa Englisch sprechende Menschen anders denken als Deutsch sprechende Menschen, wenn sie zum Beispiel eine Handlung beobachten. Demnach konzentrieren sich Englischsprecher mehr auf den Handlungsverlauf, während Deutsch sprechende das Ziel einer Handlung wahrnehmen. Solche Sätze wie „Der Weg ist das Ziel“ scheinen hier mehr auf Menschen, die Englisch als Muttersprache sprechen, zuzutreffen.

Aber nicht nur unterschiedliche Sprachen wirken sich auf unser Denken und Handeln aus, sondern auch die Art wie wir unsere eigene Sprache gebrauchen. Das macht das folgende Beispiel deutlich. In einer Studie an der Stanford University legte die Psyhologin Lera Boroditsky den Probanden zwei Versionen eines Textes vor, in dem es um das Kriminalitätsproblem einer fiktiven Stadt ging. Der einzige Unterschied zwischen beiden Texten war, dass im ersten Kriminalität als „wildes Tier“ im zweiten als „Virus“ bezeichnet wurde. Die Studienteilnehmer sollten nach der Lektüre Vorschläge zur Bekämpfung der Kriminalität machen, wobei ein eindeutiges Ergebnis herauskam. Diejenigen, die den Text gelesen hatten, in dem von einem wilden Tier die Rede ist, waren dafür, Kriminelle zu jagen und strengere Gesetze zu erlassen. Die Probanden, die von der Kriminalität als Virus lasen, machten dagegen überwiegend Vorschläge, die sich mit den Ursachen der Kriminalität befassen – etwa Armutsbekämpfung und Verbesserung der Bildungschancen. Auch wenn von ein und der selben Statistik die Rede ist, fallen Urteile und Handlungsvorschläge sehr unterschiedlich aus.

Sprache beeinflusst also unser Urteilsvermögen und unsere Entscheidungen. Sprache kann manipulieren. Nicht umsonst entwickelte das in Orwells „1984“ herrschende Regime den sogenannten Neusprech. Aber auch Regimes, die real existierten, nutzten Sprache als Manipulationsmittel. Insbesondere hervorzuheben ist hier natürlich die Sprache der Nationalsozialisten, die sich Euphemismen, kirchlich-sakralen Begriffen und zahlreichen Metaphern bediente. Und eben solche Metaphern und Begriffe finden sich auch heute wieder im politischen Sprachgebrauch – vor allem in rechtspopulistischen Kreisen. Es werden Superlative genutzt, die an Naturkatastrophen denken lassen („Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsschwemme“, „Flut“), denen wir machtlos gegenüberstehen, der bevorstehende Untergang wird beschworen („christliches Abendland“, „Bürgerkrieg“). Natürlich haben Populisten auch die passende Lösung parat. Selbstverständlich haben sie auch die Wahrheit in der Tasche. Und immer mehr Menschen fallen darauf herein. Wie anders lässt es sich sonst erklären, dass eine Großzahl von Menschen dazu bereit ist, Donald Trump zum Präsidenten zu wählen mit der Begründung, dass er der einzige sei, der „die Wahrheit“ ausspreche. Dass er der Kandidat ist, der nachweislich am meisten gelogen hat, spielt hier keine Rolle. Die Wahrheit ist das, was die Leute hören wollen. Nachdem die großen Ideologien nicht mehr ziehen, sind wir auf dem besten Weg in ein postfaktisches Zeitalter.

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