Her mit dem schönen Leben!

In Zeiten, in denen die Kirche noch unser Wertesystem maßgeblich bestimmte, war es recht einfach zu sagen, was das gute Leben ausmacht. Der beste Weg zur Glückseligkeit war es, dem Vorbild Jesu nachzueifern. Inklusive seiner Leiden versteht sich. Leiden standen generell an sehr prominenter Stelle. Noch heute lassen sich Jahr für Jahr etwa auf den Philippinen Menschen in der Karwoche ans Kreuz nageln, um die Schmerzen des Heilands nachspüren zu können. In unserem Kulturkreis ist der Einfluss der katholischen Kirche heute glücklicherweise so gering, dass keiner mehr nach den Osterferien krankgeschrieben werden muss, weil er mit Löchern in den Händen nicht zur Arbeit kommen kann.
Dennoch, finde ich, ist der Hang zum Leidenwollen noch ansatzweise Teil der Kultur in unserer aufgeklärten Welt. Wir neigen dazu, Dinge schlimmer darzustellen als sie sind, nehmen Unkenrufe und Schwarzmalerei begeistert auf, um sie möglichst schnell auf Facebook zu teilen und lieben das schlechte Gewissen. Und wir sind Meister in  Verdrängung und Prokrastination, insbesondere wenn es darum geht, etwas verändern zu müssen. Wir plagen uns lieber mit unserem schlechten Gewissen und sagen: „Eigentlich müsste man…“Das ist auch so, wenn es etwa um das Thema Nachhaltigkeit geht. Ein Wort, das in aller Munde ist. So wichtig, aber auch so schwammig, dass jeder eine andere Definition dafür hat. Für mich heißt Nachhaltigkeit, gut leben zu können ohne anderen die Möglichkeit zu nehmen, ebenfalls gut leben zu können. Auch zukünftigen Generation nicht. Was ist aber jetzt das gute Leben? Da wird es schon schwieriger. Weil gutes Leben nicht für jeden Menschen das gleiche bedeutet, ist es sinnvoll, einfach einmal nachzufragen. Die meist genannten Antworten waren Liebe, Zufriedenheit und Unabhängigkeit– dicht gefolgt von Sinn, Sorgenlosigkeit und Freundschaft. Es scheint also, als wollten wir glücklich sein. Von Leiden und schlechtem Gewissen keine Spur. Nur ist uns auch bewusst, dass wir oder unsere Kinder nicht so sorgenfrei leben können, wenn wir so weiter machen wie bisher. Wir müssen nachhaltiger wirtschaften, nachhaltiger konsumieren, nachhaltiger leben. Und hier kommt es wieder: das schlechte Gewissen. Nachhaltigkeit ist zwar für die meisten äußerst erstrebenswert, aber mit Verzicht, Einschränkung und dem Verlassen der Komfortzone verbunden. Daher macht es sich, wer kann, einfach und parkt seinen spritfressenden SUV vor dem Biomarkt statt vor Aldi und kauft Bio und Fairtrade. So kann man konsumieren und gleichzeitig sein Gewissen reinwaschen.Das gute Leben in drei Worten

Nachhaltiges Handeln kann aber durchaus Spaß machen und fängt tatsächlich im Kleinen an. Wir müssen das Thema gar nicht den Konzernen und Klimakonferenzen, auf denen am Ende des Tages ohnehin nichts entschieden wird, überlassen. Das gute Leben gibt es hier und jetzt.  Und vor allen Dingen: Man kann im Grunde überall, bei jeder Tätigkeit zum guten Leben beitragen. Wir können bei uns selbst anfangen, indem wir uns fragen, ob das was wir tagtäglich tun, wirklich sinnvoll ist. Die meisten von uns sind Sinnsucher. Auch während der Arbeit. Ich glaube, der Großteil der Burnout-Fälle ist ebenso wie der Ruf nach mehr Work-Life-Balance dadurch bedingt, dass vielen Menschen der Sinn hinter ihrer Arbeit abhanden gekommen ist. Dabei scheint gerade Sinnstiftung das zu sein, was den Menschen in Bezug auf ihre Arbeit am wichtigsten ist.

Um sinnstiftende Arbeit zu leisten, muss man nicht gleich Entwicklungshelfer sein oder im ökologischen Bereich arbeiten. Man muss sich nur bewusst machen, wie man auf Basis der eigenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Interessen etwas tun kann, um anderen einen Mehrwert zu erbringen. Sinnstiftende Arbeit heißt auch immer etwas zu tun, das anderen nutzt und natürlich niemandem schadet.