Die Liebe in den Zeiten des Kapitalismus

critica_NOV_S13_02Alex ist 29. Er wohnt in Köln, hat vor kurzem sein Studium beendet und mit seinem Job ist er sehr zufrieden. Er hat viele Freunde und genießt die Vorzüge des Großstadtlebens. Das Einzige, was er sich jetzt noch wünscht, ist eine feste Beziehung. Also hat er sich, obwohl er sich dabei schon irgendwie komisch vorkam, im Internet bei einem Datingportal angemeldet. Erst neulich war ihm zu Ohren gekommen, dass ein neues Portal mit einem recht ungewöhnlichen Konzept gestartet ist und vielleicht ergibt sich ja etwas auf diesem Weg.

Alex ist der Name, unter dem ich mich als angeblicher Single bei dem relativ jungen Portal betterdate.de angemeldet habe, um mich „kaufen“ zu lassen. Denn genau das ist das Konzept dieser Seite. Die Frauen bestimmen hier, wer es in ihren Einkaufswagen schafft und sie kontaktieren darf und wer nicht. Männer melden sich als „Produkte“ an und Frauen, für die die Mitgliedschaft kostenlos ist, werden zu „Shopaholics“ – also Kaufsüchtigen.

Die Macher von betterdate spielen mit alten Klischees. Irgendwie scheint hier der Spieß umgedreht. Frauen kaufen Männer. Menschen und Liebe werden zur Ware. Ich entscheide mich für eine kostenfreie Mitgliedschaft, werde also kein „Luxusgut“. So kann ich zwar nicht alle Möglichkeiten des Portals nutzen. Es reicht aber alle Male, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Und tatsächlich: Direkt am ersten Abend, an dem ich mich der Frauenwelt als Ware anbiete, werde ich spontan gekauft. Doch was wurde da eigentlich gekauft? In meinem Profil habe ich über mich unter anderem meine Musikvorlieben, meine Lieblingsfilme oder die von mir bevorzugte Küche angegeben. Ein Foto gibt Aufschluss über mein Äußeres. Es ist eine zurechtgestutzte, oberflächliche Version von mir, die da über die virtuelle Ladentheke geht. Die Vorstellung darauf reduziert zu werden, finde ich erschreckend. Partnerbörsen werben regelmäßig damit über sie ihre große Liebe zu finden. Bedeutet Liebe aber nicht einen anderen Menschen komplett anzunehmen? Ist es vielleicht nicht die einzige Beziehung, in der wir uns ganz einem anderen Menschen ausliefern, wo wir sonst immer nur Teile von uns präsentieren, wo wir sonst nur Rollen spielen? Viele sehen das ähnlich. Oft hört man schließlich den Satz, wenn nach dem Traumpartner gefragt wird, dass man mit ihm oder ihr über alles reden können sollte. Betterdate hingegen reduziert wie jede andere Kontaktbörse auch die potentielle Liebe erstmal auf vergleichbare Eckdaten. Wer jemals ein Werbeprospekt, in dem Staubsauger angeboten werden, aufgeschlagen hat, wird das Prinzip wiedererkennen.

Mir wird suggeriert, dass es diese Eckdaten wären, die auf dem „Partnermarkt“ zählten. Die Ware Staubsauger wird gekauft, um ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Mit ihm soll die Wohnung gereinigt werden. Auch ich werde zum Instrument zur Erfüllung bestimmter Aufgaben. Statt die Wohnung zu reinigen, soll ich Spaß bringen, Zuneigung schenken und für Sex zur Verfügung stehen.

Betterdate zeigt, wie im Kapitalismus Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen zu Waren werden, deren Handel Marktgesetzen zu gehorchen scheint. Allerdings ist das kein spezielles Problem von Kontaktbörsen. Hier wird ein Prozess deutlich, an dessen Ende eine Gesellschaft steht, in der alle Lebensbereiche wie im VWL-Lehrbuch der Nutzenmaximierung folgen – selbst natürliche menschliche Bedürfnisse wie der Kontakt zu anderen Menschen. Als könne alles dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gehorchen, alles zur Ware gemacht werden. Die vollkommene Verwarenförmigung. Die Ökonomisierung des Denkens. Eigentlich frei zugängliche Dinge werden zum knappen Gut und damit zum Gegenstand des Handels. So werde auch ich auf meiner vorgegebenen Suche nach zwischenmenschlichen Kontakten nachgefragt, also gekauft und erhalte Punkte, die meinen Marktwert steigen lassen.

Mit dem Kauf einer Ware wird diese zum Eigentum des Käufers, womit dieser frei darüber verfügen darf. Einen gekauften Staubsauger kann ich benutzen und verwenden wie ich möchte. Mein gekauft Werden bedeutet jedoch etwas anderes. Denn natürlich können meine Käuferinnen nicht frei über mich verfügen wie über einen Staubsauger. Die Partnersuche bei Betterdate ist zunächst ein ironisches, unverbindliches Spiel. Dieses Spiel basiert aber auf der gängigen Vorstellung, dass Beziehungen zu einem Partner ähnlich wie der Besitz eines Gegenstandes funktionieren. Ein stetes Geben und Nehmen. Solange die Beziehung andauert, beständen also gegenüber dem Partner eingeschränkte Verfügungsrechte. Wenn diese Verfügungsrechte bedroht erscheinen, stellt sich ein Gefühl ein, das wir als Eifersucht kennen. Wenn Liebe als ein Schenken und beschenkt Werden verstanden würde, gäbe es dafür weniger Platz.

Zuletzt frage ich mich, wie aussagekräftig solche geschönten Daten und aufgemotzten Fotos in Hinsicht auf das wirkliche Zusammenpassen von zwei Menschen sind? Bisher bin ich mit noch keiner Person zusammengekommen, weil mir nach Abwägung der Eckdaten auf einer pro- und contra-Liste diese als günstigste aller möglichen Alternativen erschien. Mit diesem Wissen melde ich mich bei betterdate ab. Ich kann zwar nicht wirklich definieren, was Liebe ist, aber die Gegensätze, die Spannung und zufälligen Momente, sind sicher ein nicht zu ersetzender Teil davon. Erzwingen oder erkaufen, kann man diese nicht.