Ansätze einer Ökonomie des guten Lebens

Kevin Krejci Value Unused = Waste
Kevin Krejci: Value Unused = Waste

Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Auch wenn ich einige Jahre Wirtschaftswissenschaften studiert habe. Irgendwie waren mir die Wirtschaftswissenschaften immer zu einseitig, zu wenig sozial und sie beruhen meines Erachtens auf mathematischen Modellen, die der Lebenswirklichkeit der Menschen einfach nicht entsprechen. Ich halte den Menschen für überaus unberechenbar und obwohl er in gewisser Weise vernunftbegabt ist handelt er nicht stets vernünftig, sondern zutiefst emotionsgesteuert.

Hier kommen wir auch schon zu einem populären Paradigma der Wirtschaftswissenschaft, insbesondere der Neoklassik: der Homo oeconomicus. Für mich ist der Homo oeconomicus kein den Menschen abbildendes Modell, sondern ein Zombie. Er lebt in den Phantasien neoliberaler Volkswirte und ist dennoch tot. Die Trennung von Ratio und Emotion ist ein Mythos.

Wir Menschen neigen dazu, Dinge und andere Menschen zu kategorisieren, zu vereinfachen und zu verallgemeinern. Verallgemeinerungen können als Orientierungsrahmen gesehen werden, mit denen der Mensch seine Welt ordnet – eben indem er Dinge schnell einordnen kann.

Der Homo oeconomicus hat die Aufgabe, als Unterstützung zur Analyse ökonomischer Probleme herzuhalten. Ohne ihn wäre es gar nicht möglich, den Faktor Mensch in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien abzubilden. Dafür sind wir Menschen mit unseren individuellen Motivationen, Charakteren, kulturellen Hintergründen und sonstigen vielfältigen identitätsbildenden Facetten einfach zu unterschiedlich, zu komplex. In der Realität jedoch lässt sich menschliches Handeln in keine Nutzenfunktion integrieren – auch wenn Leute wie der erste amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson seiner Zeit behaupteten, dass jede Form menschlichen Verhaltens sich als Maximierung des Nutzens beschreiben lässt: Je mehr wir von etwas besitzen, desto glücklicher seien wir. Das ist so nicht richtig. Wenn von Glück die Rede ist, sind Emotionen gemeint.

Was aber bedeutet Glück?

Auch wenn es schwierig ist, Glück zu definieren. Eins kann man wohl mit Sicherheit sagen: Geld (alleine) macht nicht glücklich. Robert und Edward Skidelsky führen zum Beweis in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ das Glückniveau Großbritanniens auf. Dieses „hat sich […] seit 1974 kaum verändert, während sich das reale Pro-Kopf-Einkommen im selben Zeitraum beinahe verdoppelt hat“ (Skidelsky, 2013: S.136).

Wichtig für persönliche Glücksgefühle sind soziale Fähigkeiten wie Kooperieren, Teilen oder sich für andere einsetzen, wenige das materielle Glück spielt hier eine Rolle. Deshalb darf man das Wachstumsstreben auch nicht mit dem Streben nach Glück verwechseln.

Wie weit können wir wachsen?

„Die meisten Leute meinen, ein Staat, der die Menschen glücklich machen könne, müsse groß sein; aber selbst wenn sie recht haben sollten, wissen sie doch nicht, was eigentlich groß und klein bei Staaten bedeuten soll […] Auch für die Größe von Staaten gibt es eine Grenze, so wie für jedes andere Ding, für Pflanzen, Tiere und für Handwerkzeuge; denn diese Dinge verlieren ihre natürliche Wirksamkeit, wenn sie zu groß oder zu klein sind; entweder gehen sie völlig ihrer Eigenart verlustig oder sie werden zerstört.“ Aristoteles

Jahrzehnte lang galt das Wirtschaftswachstum als Zauberformel für die Verbesserung der Lebensumstände und Wohlstand. Die Frage, die sich unweigerlich in den Raum stellt, wenn man sich mit Wachstum beschäftigt, ist: „Kann es ewig so weiter gehen?“ Immer mehr Ressourcenabbau, mehr Produktion, mehr Konsum?

Die Frage ist nicht neu. Schon John Maynard Keynes sagte eine dauerhafte Wachstumsabschwächung voraus und der Naturforscher Edward Abbey beschrieb es mit folgenden Worten: „Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.“ Sich mit den Grenzen des Wachstums zu beschäftigen ist also keineswegs einfach ein Faible linker Utopisten und Ökoradikaler. Das sollte aber schon klar werden, wenn man bedenkt, dass die Wirtschaft der Industriegesellschaft auf dem Verbrauch knapper Ressourcen aufbaut. Um nicht irgendwann auf dem Trockenen zu sitzen, ist partielles Wachstum durchaus sinnvoll und notwendig. Wachstum im Bereich der erneuerbaren Energien und damit meine ich nicht nur die Energiegewinnung sondern auch die effiziente Nutzung dieser Energie, sprich Elektromobilität oder der Einsatz umweltfreundlicher Maschinen. Qualität statt Quantität also.

Als Gründe für die Alternativlosigkeit einer Postwachstumsökonomie führt Volkswirt und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von attac-Deutschland Niko Paech an:

1. Die Möglichkeit, in Geld und über Märkte transferierte Wertschöpfung systematisch von ökologischen Schäden zu entkoppeln, entbehrt jeder theoretischen und empirischen Grundlage.

2. Nach Erreichen eines bestimmten Niveaus bewirken Zunahmen des Einkommens bzw. Konsums keine weitere Steigerung des individuellen Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit oder sog. „Glück“).

3. Die soziale Logik des Wachstumsimperativs, wonach Hunger, Armut oder Verteilungsungerechtigkeit durch ökonomische Expansion zu beseitigen sei, ist hochgradig ambivalent. Das Eintreten kontraproduktiver sozialer Effekte des wirtschaftlichen Wachstums ist nicht minder wahrscheinlich.

4. Wirtschaftswachstum stößt an ökonomische Grenzen. Das als „Peak Oil“ apostrophierte Phänomen einer zu erwartenden Ressourcenverknappung weitet sich absehbar dergestalt aus, dass von einem herannahenden „Peak Everything“ auszugehen ist. Insbesondere die explosionsartige Nachfragesteigerung von Aufsteigernationen wie China und Indien führt zu einer entsprechenden Verteuerung jener Ressourcen, auf deren bislang vermeintlich unbegrenzter Verfügbarkeit der materielle Wohlstand basierte.[1]

Als Alternative zu einer vom Wachstumszwang bestimmten Wirtschaft sind weitreichende Veränderungen nötig. Hierbei geht es nicht darum, ein Wirtschaftssystem zu etablieren, das von Wachstum unabhängig ist, sondern vielmehr um die Transformation von Kulturmustern hinsichtlich Produktion und Konsum.

10376922745_027450b547_z

Eine Großzahl an Einzelinitiativen arbeitet bereits auf das Ziel der Postwachstumsgesellschaft hin: kollaborativ geführte Unternehmen (wie etwa Premium Cola), Plattformen und Geschäftsmodelle der Sharing Economy, die Gemeinwohlökonomie, Transition Town-Bewegungen, um nur einige zu nennen.

Eine Ökonomie des guten Lebens

Die sich etablierende Ökonomie des guten Lebens ist geprägt vom Wandel. Konsumenten werden Prosumenten, Besitz wird durch Zugang abgelöst und Märkte werden zu Netzwerken. Zentral ist hierbei die Ausbreitung des Sharing Economy-Modells auf immer weitere Bereiche der Wirtschaft.

„[…] das System ist älter als der Kapitalismus und erwies sich als effektives Modell für die Organisation wirtschaftlichen Lebens der Feudalzeit. Unglücklicherweise hat ihr Ruf in der Neuzeit Schaden genommen, erst unter den Aufklärern und in jüngerer Zeit dann unter den traditionellen Volkswirtschaftlern, die sich in der Pflicht sahen, sie durch eine durch und durch auf Privatbesitz gegründete Ordnung und ein Marktmodell zu ersetzen.“(J. Rifkins, 2014, S.227)[2]

ouisharesummit
oui share summit 2012

In seinem jüngst erschienen Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ hat Jeremy Rifkin, der als einer der populärsten Gesellschaftstheoretiker unserer Zeit gilt, das Aufkommen eines neuen globalen Wirtschaftssystems beschrieben, in dem Sozialkapital ebenso wichtig wird wie das Finanzkapital und in dem der noch bestehende Wettbewerb der Kollaboration weichen wird. Rifkin zeigt eine zukünftige lebenswerte, faire und grüne Gesellschaft, die bereits jetzt im Entstehen begriffen ist. Er sieht die Sharing Economy keineswegs als Nischenerscheinung, sondern als neues Paradigma der Wirtschaft.

Ein Paradigma, das, wenn man so will, seinen Anfang genommen hat beim Statussymbol der Deutschen schlechthin: dem Auto. Mit dem immer weiter zunehmenden Car-Sharing ändert eine Generation ihre Beziehung zum Fahrzeug. Insbesondere in den Großstädten ist gelegentlicher Zugang zu einem Auto, dann wenn man es braucht, sinnvoller als der Besitz desselbigen. In Deutschland sind etwa 42 Mio. PKW zugelassen. Tendenz steigend. Allerdings sind diese Autos nicht annähernd voll ausgelastet. Ein Großteil der Wagen steht täglich 23 h ungenutzt herum. Im Grunde eine Riesenverschwendung, da der Unterhalt permanent Geld kostet. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen – insbesondere in Großstädten – die kein Auto besitzen, aber hin und wieder für kurze Zeiträume eines benötigen. Junge Unternehmen wie tamyca (steht für „Take my Car“) haben daher ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Sie bringen Nachfrage und Angebot zusammen. Privateigentümer können ihre Autos an andere Menschen gegen eine Gebühr verleihen und das inklusive einer Vollkaskoversicherung. Im Gegensatz zu herkömmlichen Carsharing-Konzepten kommen so nicht mehr Fahrzeuge in die Stadt, sondern die, die ohnehin da sind, werden intensiver genutzt. Mittlerweile gibt es unzählige Initiativen und Unternehmen, die den Gedanken der Sharing Economy mit immer neuen Geschäftsmodellen vorantreiben.

Man könnte sagen, dass Teilen und Tauschen Teil eines Demokratisierungsprozesses sind, in dem Wirtschaft nicht mehr nur Top Down sondern Peer-to-Peer, also unter Gleichen, stattfindet. Diese Entwicklung scheint viele unvorbereitet zu treffen, doch so neu ist der Gedanke nicht. Der Wandel der Industrie- zur Wissensgesellschaft wurde schon 1973 vom amerikanischen Soziologen Daniel Bell in seinem Buch „The Coming of the Postindustrial Society“ erkannt. In der Wissensgesellschaft liegt der Schwerpunkt der Wirtschaft auf Dienstleistungen, die nicht wie Produkte hergestellt, sondern erbracht werden. Man schafft Zugänge, nicht Eigentum. Dienstleistungen können nicht angehäuft oder weiterverkauft werden. Der Schritt in die Wissensgesellschaft ist der erste Schritt in eine Ökonomie des Zugriffs, der Teilhabe. Begleitet wurde dieser Wandel durch das wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung gewinnende Internet. Der Gedanke, Zugriff zu Wissen und Informationen von überall aus und für jeden zu ermöglichen, schuf Unternehmen wie Google und die sozialen Medien wie Facebook. Auch wenn es manchen so erscheinen mag, die Sharing Economy ist nicht Ausdruck einer neuen Bescheidenheit oder der Konsumverweigerung. Sie ist einfach eine Ausweitung des Geschäftsfeldes, durch die die Nutzung von Waren effizienter und nachhaltiger stattfinden kann.

 

Lesetipps

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. Campus Verlag 2014, ISBN: 978-3-593-39917-1, 27,00 EUR

Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens. Kunstmann Verlag 2013, ISBN: 978-3-88897-822-7, 19,95 EUR

Paul Verhaeghe: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Kunstmann Verlag 2013, ISBN: 978-3-88897-869-2, 19,95 EUR

Sandro Abbate: Marken als Sinnstifter. Identitätsbasierte Markenführung als Antwort auf den Wandel. Springer Gabler Verlag 2014, ISBN: 978-3-658-05019-1, 24,99 EUR

Annette Jensen, Ute Scheub: Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben. oekom verlag München, 2014, ISBN: 9783865816610, Preis: 19.95 €

 

Klicktipps:

Ministerium für Glück und Wohlbefinden

Ouishare

Postwachstumsgesellschaft

Gemeinwohlökonomie

Kollaborativer Konsum

 

Quellenangaben:

[1]Niko Paech: Grundzüge einer Postwachstumsökonomie http://www.postwachstumsoekonomie.org/html/paech_grundzuge_einer_postwach. html (abgerufen: 21.09.2014)

[2] Jeremy Rifkins (2014): Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, Campus Verlag, Frankfurt/New York.